Sonderkommission

Matze
Sonderkommission (63)

Das Schlimmste, wenn jemand vermisst ist, ist die Warterei, diese Ungewissheit. Meine Eltern und ich warteten und warteten. Je länger es dauerte, umso schlimmer wurden die Befürchtungen, die einem den Schlaf raubten. Das Telefon ging regelmäßig. Babs´ Eltern waren mindestens genauso in Sorge wie wir. Es ist schlimm, helfen zu wollen und nicht zu können. Im Zustand der Hilflosigkeit zu versuchen, Mut zu machen, Zuversicht zu geben, ist eines der erbärmlichsten Gefühle, das ich je kennenlernte. Mutter und ich saßen auf dem Sofa, der Fernseher dümpelte quasi stumm vor sich hin. Keiner von uns schaute zu. Mein Vater tigerte von einem Zimmer ins andere; einerseits nervte es total, jemanden ständig ziellos in der Gegend herumlaufen zu sehen. Andererseits war er von uns dreien der Einzige, der der inneren Unruhe die Gelegenheit gab, nach außen zu dringen.

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Kellerloch

Matze
Kellerloch (62)

Ein schwarzes Kellerloch. Sie saß auf einem alten Holzstuhl ohne Kissen auf der Sitzfläche. Der Stuhl wackelte an den Beinen. Ihr Kreuz tat ihr höllisch weh, die Hände waren auf dem Rücken, ihre Beine an die vorderen Stuhlbeine gefesselt. So ging es jetzt schon seit Stunden. Oder war schon über ein Tag vergangen?! Sie wusste es nicht … Die einzige Lichtquelle war ein Kellerfenster links oberhalb von ihr. Sie schaute hinauf. Entweder war das Fenster mit Brettern vernagelt oder es gab einen tiefen Schacht vor dem Fenster. Es war schlimm. Sie hatte jegliche Orientierung verloren, sowohl was die Zeit als auch den Ort anging. Selbst die Ausmaße des Kellerraumes konnte sie nur ungefähr in dieser dämmrigen Belichtung ermessen. Was wollte man von ihr?! Wie war sie hierher gekommen? Von ihren Eltern hatte sie sich gegen halb elf verabschiedet. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Aufgrund der Tatsache, dass sie lange nicht zu Hause war, gab es viel zu erzählen. Es tat gut, einmal mit jemandem reden zu können, der nicht unmittelbar betroffen war.

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Ereignisse überschlagen sich

Matze
Ereignisse überschlagen sich (61)

WAZ Lokales Bottrop 27.04.2013
Auf der L623 von Grafenwald nach Kirchhellen wurde in der gestrigen Nacht ein führerloses Fahrzeug gefunden. Der Wagen, ein Opel Corsa, war offensichtlich mit der rechten Leitplanke kollidiert. Beschädigungen und Lackspuren auf der linken Fahrzeugseite lassen darauf schließen, das mindestens ein weiteres Fahrzeug mit in den Vorfall involviert war. Das Auto ist auf eine 23-jährige Frau zugelassen. In Ermittlerkreisen wird vermutet, dass die Halterin zum Unfallzeitpunkt das Kfz auch gesteuert hat. Von ihr fehlt bis dato jede Spur. Die Polizei bittet in diesem mysteriösen Fall um die Mithilfe der Bevölkerung. Sachdienliche Hinweise geben Sie bitte an …

Babs erstattete den lang überfälligen Besuch bei ihren Eltern. Ich hatte mir für diese Zeit vorgenommen, einmal auszuspannen und über die Dinge, die in letzter Zeit geschahen, einmal grundlegend nachzudenken. Fakt war: der Brand vor unserer Wohnungstür war gelegt worden, es war Brandstiftung! Die Frage, die sich stellte war, ob es als Warnung verstanden sein sollte oder ob die Täter etwas vernichten bzw. gar jemanden verletzen oder töten wollten. Die Bullen schienen den Fall auf die leichte Schulter zu nehmen. Man ermittelte halt … Seit zwei Wochen hatten wir von Seiten der Polizei nichts mehr gehört. Daraus ließ sich schließen, dass es nichts Neues gab. Man trat auf der Stelle.

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Labyrinth

Matze
Labyrinth (60)

Ich lag im Wald unter einem Baum. Unter mir Moos, es fühlte sich so weich an. Ich schlief, schlief einen Schlaf, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr geschlafen hatte. Tief, traumlos. So erholsam! Es war merkwürdig still, obwohl die Sonne noch durch das Blätterwerk schien, war kein Laut zu hören, kein Vogel zwitscherte. Ich hatte mich vollkommen fallengelassen, mich in die Arme von Bruder Schlaf begeben. Nach all der Zeit der Hektik und des Stresses die verdiente Ruhe. Zuweilen beschlich mich der Gedanke, ob ich nicht tot war. Es war alles so schön, schien aber nicht irdisch zu sein. Ein Lichtkegel brach durch die Blätter, direkt auf mein Gesicht. Er schien einen Boden zu haben, jener formte sich zu einem Kreis direkt über mir. Die Farben sammelten sich auf jenem, formten etwas. Es war ein Gesicht, ein Gesicht, das ich kannte. Ein Junge sah mich an, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, er lächelte. Dann verblasste das Antlitz, das Licht verschwand. Ich rieb mir die Augen, wahrscheinlich hatte ich geträumt. Jetzt bitte keine Halluzinationen …

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April 25th

get together

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Thomas Dietsch

Feuer

Matze
Feuer (59)

Manchmal fragt man sich, ob es nicht besser gewesen wäre, man hätte sich in einem gewissen Moment anders entschieden. So zum Beispiel unser Entschluss zum Chinesen zu gehen. Nichts gegen das Abendessen und die Atmosphäre, es war wunderbar. Hätten wir uns aber entschieden, nur mal angenommen, nach Hause zu fahren: Was wäre passiert? Wäre es zu dem Brandanschlag überhaupt gekommen? Hätte man sich eventuell im Bewusstsein unserer Anwesenheit eines Besseren besonnen und nicht die Wohnungstür, sondern stattdessen Babs´ Auto ruiniert? Hätten wir die Täter erkannt? Wenn ja, wäre es zu einem Zusammentreffen gekommen, wir eventuell zu körperlichem Schaden? Galt der Anschlag vielleicht noch nicht einmal uns? Eine Verwechslung? Verdammt, ich hatte eine Scheißwut im Bauch! Die Polizei war natürlich neugierig, es war schließlich ihr Job, die bösen Buben zu fangen. Wer konnte uns schaden wollen? Jimmy und seine Bande? Es war zu viel Zeit zwischendurch vergangen. Außerdem war der Kerl zu blöd für so etwas, der Brand war eine Nummer zu groß für ihn. Harry interessierte sich auch nicht für uns. Katja und Sheyda? Jedenfalls ersterer würde ich eine solche Intention unterstellen. Aber die Ausführung? Nein! Blieb nur noch diese Russenbande im Hintergrund, jene, die mich dazumal krankenhausreif vermöbelt hatten. Ja, diese Quelle war am wahrscheinlichsten. Offenbar war das Ganze, soweit meine Vermutung stimmte, doch noch nicht ausgestanden …

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April 15th

get together

Matze

Thomas Dietsch

Bahnhof

Matze
Bahnhof (58)

Es ist immer schön, wenn einen die Lieben am Bahnhof abholen. Babs stand erwartungsvoll am Bahnsteig. Wir strahlten beide, fielen uns in die Arme und küssten uns. So wie in der Werbung … Es ist nicht alles schlecht, was im Fernsehen kommt. Ich musste nicht in einem trüben Stadtbus, fast leer, durch die dunkle Nacht nach Hause fahren. Dafür war ich ihr so unendlich dankbar! Babs schlug vor, etwas beim Chinesen bei uns um die Ecke zu essen und uns sodann einen schönen Abend zu machen. Es war bereits Sonntagabend, nicht mehr die Zeit, an alltägliche Dinge wie Kochen zu denken. Dazu hatten wir beide wahrhaftig keine Lust. Also stimmte ich zu. So ein Menü mit Hühnchen konnte ich jetzt vertragen …

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Übung macht den Meister

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Übung macht den Meister (57)

Ich saß im Zug von Hannover nach Hause, ließ den Lehrgang geistig nachwirken. Schon lange hatte ich nicht mehr die Schulbank gedrückt, es war richtig ungewohnt. Aber man erwartete es von mir, und: Was soll ich sagen? Es war für mich eine neue Erfahrung! Ich hatte sie früher gehasst, die Penne! Ich glaube, wir waren alle froh, als es endlich vorbei war. Keine Autorität mehr, die Welt gehörte endlich uns. Dieser Muff, die biederen Spießer, die alle so konform lebten. Es kotzte uns an! Wir rebellierten, flüchteten in die Welt der Drogen, verhedderten uns dort und alles was danach kam, war erst recht zum Kotzen. Mein Gott, nein! Ich wollte mich nicht erinnern …

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Gloria

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Gloria (56)

Ich stand beim Schnellrestaurant in der Schlange vor der Essensausgabe. Furchtbar viele Leute heute! Was war nur los?! Dieses Essen ist doch so abartig ungesund, warum zum Teufel mussten die alle hier mampfen? Man hatte mich seitens meiner Firma zu einem Lehrgang geschickt, um eine entsprechende Fortbildung zu genießen. Seitens des Arbeitsamtes hieß es, ich sei zu lange aus meinem Beruf raus gewesen. Es war noch nicht einmal ein Jahr! Hallo?! „Maurer für Restaurierungsarbeiten“ nannte sich das Ganze, angestoßen vom Amt, von meinem Chef befürwortet. Ich musste nach Hannover, untergebracht war ich in einem billigen Hotel. Natürlich auf Firmenkosten.

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März 25th

get together

Matze

Thomas Dietsch

Neue Erkenntnisse

Matze
Neue Erkenntnisse (55)

Zu viert standen sie also an der Kasse, die zwei Herren und die beiden ach so misshandelten Damen. Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Babs nippte an ihrem Tee, während ich mit meinem in der Hand an unserem Wohnzimmerfenster stand und auf die beleuchtete Straße hinunter schaute. Meine Mutter hatte gemerkt, dass sie mit ihrer Erzählung in einen Fettnapf getreten war, konnte natürlich nicht ahnen, worin dieser bestand. Ich entschloss mich, fair zu sein und so erzählten wir die Frankreich-Story und die Geschehnisse danach in abgespeckter Version. Beeindruckt von Sheydas spektakulärem Grenzübertritt meinte mein Vater hinterher nur: „Kinder, ich weiß nicht, was ich davon halten soll …“. Mama meinte, die Dunkelhaarige sei eine sehr rassige, weibliche Schönheit gewesen. Es konnte sich hierbei nur um Sheyda handeln, hatte sie doch ihr Gepäck schon bei Katja untergebracht … Rassig! Wahrscheinlich so rassig wie hinterhältig und betrügerisch. Ich wollte nicht wissen, wie viele Kerle dieses Biest schon ausgenutzt hatte. Welcher Mann konnte der schon etwas abschlagen?!

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März 18th

get together

Matze

Thomas Dietsch

An einem Tisch

Matze
An einem Tisch (54)

Wie lange war es her, dass wir vier gemeinsam an einem Tisch saßen? Meine Eltern hatten in meiner Abwesenheit das Wohnzimmer neu tapezieren lassen. Neue Bilder öffneten die Wände wie Fenster zu einer anderen Welt. Das Licht des Lebens hatte die Schatten der Vergangenheit verdrängt. Erschien mir dieses Zimmer noch im Zeitpunkt meines Fortgehens als altbacken und wie aus einer anderen Zeit, so schien jetzt die Moderne in das Heim meiner Eltern Einzug gehalten zu haben. Seit meiner Kindheit hatte sich in diesem Raum nichts verändert. Es war höchste Eisenbahn … Na ja, wie bei allem Beginn war auch im Elternhaus ein Abklopfen der allgemeinen Befindlichkeit angesagt. Neben dem Üblichen „Wie geht’s Euch?“ war man natürlich extrem erpicht auf Information, was der Bub denn jetzt so beruflich mache und wie es liefe. Berichte von Babs und mir folgten, auch über unser neues Zusammenleben. Mit Freude und interessiertem Zuhören nahmen meine Altvorderen unsere Erzählungen zur Kenntnis. Erleichterung lag im Raum, hatte man doch, aufgrund meiner Drogengeschichten, schlimmste Befürchtungen gehegt. Meine Mutter meinte, nach soviel Übel könne es nur noch besser werden. Die Familiennews über Tante X und Onkel Y interessierten uns beide eigentlich nur wenig. Cousin Jannick hatte mit siebenundzwanzig Jahren wieder einmal eine Freundin. Gott gütiger! Es gab wahrhaftig andere Dinge, um die sich die Welt drehte; mit Sicherheit nicht die Frage, ob es nunmehr irgendeiner Frau gelungen war, diesen Spätzünder zu entjungfern. Was auch immer, Mutters Kaffee und selbstgebackener Kuchen schmeckten hervorragend. Durch die Familiensaga musste man durch …

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März 12th

get together

Matze

Thomas Dietsch

Gang nach Canossa

Matze
Gang nach Canossa (53)

Es gab andere Wege, eine romantische Situation zu beenden. Ich wusste, Babs hatte es gut gemeint als sie mir vorschlug, mich mit meinen Eltern auszusöhnen. Andererseits hätten wir dies bei anderer Gelegenheit besprechen können. Nun, wenn wir schon einmal soweit waren … Ihr war bewusst, dass auch sie sich für den Auftritt bei meinen Eltern, damals als Uschi zu Besuch war, entschuldigen musste. Wir würden zusammen dort vorfahren, sie war nun mal wieder die Frau an meiner Seite. Also hatten wir auch beide mit meinem Vater und meiner Mutter etwas zu bereinigen. Um unnötige Wege zu vermeiden und um unser Kommen nicht als Überfallkommando erscheinen zu lassen, rief ich bei mir zu Hause vorher an.

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Neues Schloss, neues Glück?

Matze
Neues Schloss, neues Glück? (52)

Es war Babs´ übliche Art. Man merkte einfach, dass sie eine Stinkwut im Bauch hatte. Sie stiefelte in einer Geschwindigkeit zu ihrem Auto, dass ich Mühe hatte, mitzuhalten. Aus Angst, sie könne ohne mich davonbrausen, fing ich auf den letzten Metern an zu laufen. „Wumms!“ machte die Fahrertür. Gott gütiger! Wäre ich gläubiger gewesen, hätte ich angefangen zu beten, ihr Zorn möge sich nicht an meiner Person entladen.
„Schnall dich an!“, auch das hatte sie noch nie zu mir gesagt, so oft ich auch schon ihr Beifahrer gewesen war. Dennoch: es war nötig! Sie ließ buchstäblich die Sau raus, raste mit siebzig oder achtzig durch die Stadt. Ich zog es vor, dem Geschehen schweigend beizuwohnen. Auch, wenn wir Gefahr liefen, demnächst beide ohne Fahrerlaubnis dazustehen. Wir hatten Schwein, Babs kannte den Blitzkasten und reduzierte ihre Geschwindigkeit. Am Baumarkt machten wir Zwischenstopp, erstanden einen neuen Zylinder für unsere Wohnungstür und begaben uns auf den Nachhauseweg. Diesmal angemessen schnell, der Zorn meiner werten Freundin war offensichtlich mit gleicher Geschwindigkeit auf der Herfahrt verraucht, mit welcher wir uns auf der Straße fortbewegten. Zu Hause bastelte ich mit Babs´ spärlichem Werkzeug den neuen Zylinder in die Tür. Nach getaner Arbeit wollte ich ihr stolz meine Handwerkskünste präsentieren, merkte aber erst zu diesem Zeitpunkt, dass es in der Wohnung sehr still geworden war. Babs war nicht im Wohnzimmer. Ich fing an zu suchen, fand sie, auf dem Bett liegend, im Schlafzimmer. Da war sie, mit verheulten Augen.

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Februar 23rd

get together

Matze

Thomas Dietsch
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