Lars Anders: Der dunkle Engel

Der dunkle Engel

Das dumpfe Dröhnen der Bässe klang durch die rauchgeschwängerten Räume des Clubs. Es roch nach einer seltsamen Mischung aus Trockennebel, Zigarettenrauch und Schweiß. Ich stand abseits der Tanzfläche in einer dunklen Ecke und ließ meinen Blick über die sich im blitzenden Stroboskoplicht ruckartig bewegenden Gestalten schweifen. Mein Cocktailglas krampfhaft umklammernd lehnte ich mich möglichst lässig an die Wand und tat so, als würde ich dazu gehören – als wäre auch ich einer jener ausgelassen feiernden Gothics, die in ihrer schwarzen Kleidung und den schrillen Frisuren den Abend sichtlich genossen. Ich blickte an mir hinunter und runzelte die Stirn. Meine Kleidung war zumindest nicht unbedingt dazu angetan, mir abzukaufen, dass ich einer von ihnen war. Zwar trug ich einen schlichten, schwarzen Pullover, und meine Beine steckten in ausgebeulten schwarzen Jeans. Aber spätestens meine weißen Turnschuhe outeten mich endgültig als Außenseiter. Mal wieder!

Ich war immer der Außenseiter, egal wo ich mich gerade befand! Stets belächelt von den anderen, schien mit mir niemand so recht etwas anfangen zu können. So war es schon in der Schule gewesen. Immer galt ich als Sonderling ohne großen Freundeskreis. Irgendwann begann ich mich lieber in die digitale Scheinwelt von Computerspielen zu flüchten, als ständig von meinen Mitmenschen abgewiesen zu werden. So kam es, dass ich schon während meiner Zeit als Grundschüler Stunde um Stunde vor dem Bildschirm verbrachte und spielte oder programmierte. Auf diese Weise eignete ich mir ein Spezialwissen an, das zu einer Zeit, als Computer für die meisten Menschen noch ein Fremdwort war, seinesgleichen suchte. Später machte ich dann sogar meine Leidenschaft zum Beruf und wurde Spieleprogrammierer. Ich war das, was man gemeinhin als Nerd bezeichnete.

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April 26th

Lars Anders

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Lars Anders: Rollenkonflikte

Rollenkonflikte

Das silberne Licht des vollen Mondes spiegelte sich verträumt auf der glatten Oberfläche des Sees. Seine mit alten Weidenbäumen gesäumten Ufer lagen friedlich im märchenhaften Glanz der Mittsommernacht. Der klagende Ruf einer Eule hallte durch die dichten Wälder am anderen Ufer herüber. Eine zu beiden Seiten mit mehreren Fackeln erhellte Bogenbrücke überspannte die weitläufige Wasserfläche an der engsten Stelle des Sees. Ihre mit Moos bewachsenen Steinquader ließen dieses von Menschenhand erschaffene Bauwerk fast mit der umliegenden Natur verschmelzen. Dunkel zeichneten sich die Umrisse eines auf der Brückenmitte thronenden Torhauses ab, dessen bogenförmiger Durchgang mit einem eisernen Fallgatter verschlossen war. Durch die hölzernen Fensterläden im Wohnbereich des Torhauses sickerte Licht hervor.

Vorsichtig schlich ich mich an die Brücke heran, wobei ich sorgsam darauf achtete, nicht in den flackernden Lichtschein der Fackeln zu treten. Den von zwei steinernen Säulen flankierten Ausläufer der Brücke umrundend, suchte ich Deckung hinter einer alten Eiche, deren ausladende Äste selbst bei hellem Tageslicht eine hervorragende Deckung geboten hätten.

Ich beobachtete eine Weile lang das Torhaus aus zusammengekniffenen Augen. Nichts rührte sich. Auch auf dem von Zinnen gekrönten Dach waren keine Wachen zu sehen. Wäre nicht der schwache Lichtschein gewesen, der durch die geschlossenen Fensterläden schimmerte, so hätte man das Gebäude für unbewohnt halten können. So aber musste ich davon ausgehen, dass der Übergang bewacht war. Darüber, wie viele Wachen sich in dem alten Gemäuer befanden, und ob mir diese wohl gesonnen waren, konnte ich nur Mutmaßungen anstellen. Eine innere Stimme warnte mich jedoch, dass ich bei Überqueren der Brücke mit Ärger zu rechnen hätte.

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Lars Anders: Der zweite Tod

Der zweite Tod

Der Überlebende

Das Schiff flog gedankenschnell durch die fast lichtlose Stille des interstellaren Raumes. Einem alten Windjammer gleich pflügte es durch ein Meer von Sternen, deren schwacher Schimmer kaum ausreichte, um den mit Einschlagskratern übersäten Schiffsrumpf zu erleuchten. Zu weit entfernt war es von den wärmenden Strahlen des nächsten Sternes. Nur vereinzelt flackerten ein paar Lichter an seiner ansonsten toten Oberfläche auf. Das Schiff lag im Sterben! Bald würde es so tot sein, wie die meisten seiner einstigen Besatzungsmitglieder, deren steife, leblose Körper Lichtjahre entfernt durch das eisige Vakuum des Weltalls trieben.

Ich war der einzige, der die verlassenen Gänge des Schiffes noch mit Leben erfüllte. Der einzige Überlebende von einstmals zweitausend Menschen, die sich voller Hoffnung auf eine Reise in eine neue Welt aufgemacht hatten. Mittlerweile war das Ziel der Reise ebenso verloren gegangen, wie die damit verbundene Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Orientierungslos flog das Schiff durch das Nirgendwo zwischen den Sternen.

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Februar 23rd

Lars Anders

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Lars Anders:Der zerbrochene Spiegel

Der zerbrochene Spiegel

Träge flimmerte die Luft über dem staubigen Asphalt der kleinen Nebenstraße. Nichts regte sich in der drückenden Hitze dieses Spätsommertages. Selbst den Vögeln schien in der seit Wochen andauernden Hitzewelle die Lust aufs Singen vergangen zu sein. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel und verwandelte die vor dem Haus liegende Wiese in eine strohbedeckte Fläche.

Jeder, der die Möglichkeit dazu hatte, war vor diesen Backofentemperaturen an den Strand einer der zahlreichen Badeseen in der Umgebung unserer Stadt geflüchtet. Auch ich wäre gerne diesen Herdentrieb gefolgt, um meinen kurz vor der Kernschmelze stehenden Körper in den belebenden Fluten eines Sees abzukühlen. Doch die Vorstellung, mich den Blicken der anderen Badegäste auszusetzen, hielt mich davon ab. Ich schämte mich zu sehr! Mein Körper war nämlich nicht unbedingt das, was man gemeinhin als Bikini-Figur bezeichnete. Tatsächlich war ich von den von der Modeindustrie propagierten Traummaßen in etwas so weit entfernt, wie der Planet Neptun von der Sonne. Als ich das letzte Mal gewagt hatte, ein Freibad zu besuchen, hatte man mich hinter vorgehaltener Hand als Ungeheuer von Loch Ness bezeichnet. Irgendwann waren mir die spöttischen Bemerkungen und die mir zugeworfenen Blicke zu viel geworden und ich hatte mit Tränen in den Augen die Flucht ergriffen. An diesem Tag hatte ich mir geschworen, nie wieder einen Fuß in ein Freibad zu setzen.

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Februar 16th

Lars Anders

Literatur

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Lars Anders: Systemfehler

Systemfehler

Klickend drehte sich der Schlüssel im altersschwachen Sicherheitsschloss, dessen zerkratzte Oberfläche sich nahtlos in die rostige Stahltür einfügte. Mit einem Quietschen, welches an ein menschliches Stöhnen erinnerte schwang die Tür nach innen und gab den Blick auf einen schäbigen Hausflur frei, an dessen mit Graffitis bedeckten Wänden sich leere Pappkartons und anderes Gerümpel stapelten. Von irgendwoher erklang das Weinen eines Kindes. Hinter einer der Türen, die vom Hausflur abzweigten, bellte ein Hund.

Ich trat aus dem hellen Tageslicht des freundlichen Frühlingstages hinein in das stickige Halbdunkel des Hausflurs. Ächzend bückte ich mich nach den beiden großen Kartons, die ich vor der Haustür abgestellt hatte und schleppte sie in Richtung Fahrstuhl, während die Stahltür hinter mir scheppernd ins Schloss fiel. Seit nunmehr vier Monaten war dieser heruntergekommene Sozialbau nun schon meine Heimat. Hätte man mir vor einem halben Jahr gesagt, dass ich einmal hier leben würde, dann hätte ich nur ungläubig den Kopf geschüttelt. Doch mein Abstieg vom wohlhabenden Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht zum mittellosen Arbeitslosengeldempfänger war schneller erfolgt, als ich dies in unserem Land für möglich gehalten hätte.

Nach dem überraschenden Tod meiner geliebten Ehefrau war ich in Depressionen versunken. Ich hatte versucht, meine Trauer in Alkohol zu ertränken, was anfangs auch noch ganz gut funktioniert hatte. Doch bald benötigte ich immer größere Mengen des Heilmittels Alkohol, um den Schmerz in meinem Herzen zu betäuben. Immer öfter griff ich zur Flasche, um überhaupt noch in der Lage zu sein, den Tag zu überstehen. Es war ein Teufelskreis. Wenige Wochen und drei Abmahnungen später war ich arbeitslos. Das Software-Unternehmen, bei dem ich zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, hatte mich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

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Februar 2nd

Lars Anders

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Siegmund Läps: Coming Out

Coming Out

»Herr Doktor kommt sofort – bitte, nehmen Sie doch inzwischen Platz! – Hier! Bitte!«

Die herrische Geste und die hochnäsige Mimik der jungen Arzthelferin lassen keine Zweifel aufkommen, dass ihre ölige Freundlichkeit in der Rede ausschließlich dem Medizingeschäft dient.

Angelina entscheidet spontan, wieder einmal ihr mediteranes Aussehen in Szene zu setzen und die Italienerinnen-Nummer abzuziehen:
"Aah! Si, grazie!"

Sie beobachtet das kleine Luder scharf durch die Wimpern, während sie ihr die viereinhalb Silben schmalzig auf die Ohren schmiert.
A-ja! Geht doch! Angelina bemerkt mit tiefer Genugtuung zweierlei:
Die Andre zuckt eine Kleinigkeit mit dem Kinn nach oben und spannt zum Ausgleich den Hintern an; dabei drücken sich – für Konkurrenten unübersehbar – Cellulitegrübchen durch den dünnen, weißen Hosenstoff ab.

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Januar 28th

Siegmund Läps

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Mai 2012
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