Lars Anders: Der zweite Tod

Der zweite Tod

Der Überlebende

Das Schiff flog gedankenschnell durch die fast lichtlose Stille des interstellaren Raumes. Einem alten Windjammer gleich pflügte es durch ein Meer von Sternen, deren schwacher Schimmer kaum ausreichte, um den mit Einschlagskratern übersäten Schiffsrumpf zu erleuchten. Zu weit entfernt war es von den wärmenden Strahlen des nächsten Sternes. Nur vereinzelt flackerten ein paar Lichter an seiner ansonsten toten Oberfläche auf. Das Schiff lag im Sterben! Bald würde es so tot sein, wie die meisten seiner einstigen Besatzungsmitglieder, deren steife, leblose Körper Lichtjahre entfernt durch das eisige Vakuum des Weltalls trieben.

Ich war der einzige, der die verlassenen Gänge des Schiffes noch mit Leben erfüllte. Der einzige Überlebende von einstmals zweitausend Menschen, die sich voller Hoffnung auf eine Reise in eine neue Welt aufgemacht hatten. Mittlerweile war das Ziel der Reise ebenso verloren gegangen, wie die damit verbundene Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Orientierungslos flog das Schiff durch das Nirgendwo zwischen den Sternen.

Ich stand auf einer der wenigen noch intakten Aussichtsplattformen und blickte durch das von Mikrometeoren und Weltraumstaub stumpf gewordenen Panzerglas in die Schwärze des Alls. Meine von Altersflecken bedeckten Finger umklammerten krampfhaft das wackelige Geländer, welches die Aussichtsplattform vom Panoramafenster trennte. Wie so oft in jenen Tagen dachte ich zurück an die Zeit, als ich als junger Mann zusammen mit meiner Verlobten an Bord dieses Schiffes gekommen war, um in den Tiefen des Weltraumes mein Glück zu finden.

Groß war die Aufregung gewesen, als Wissenschaftler den ersten erdähnlichen Planeten entdeckt hatten, der in Reichweite moderner Raumschiffe lag. New Eden hatte man diese Welt in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte bald getauft. Und wirklich, -diese Welt schien ein Paradies zu sein. Die unberührte Natur und die fruchtbaren Böden schienen geradezu auf die Menschen zu warten. Bald flimmerten die ersten Anzeigen über die Bildschirme von unzähligen Haushalten auf der Erde, in denen um Siedler für diese neue Welt geworben wurde. Wir gehörten zu den ersten, die sich freiwillig meldeten. Nichts hielt uns mehr auf dieser Erde, die mit ihren fast vierzig Milliarden Einwohnern vollkommen überfüllt war. Umso größer war unsere Freude, als wir die strengen Auswahltests, die alle potentiellen Siedler durchlaufen mussten, erfüllt hatten. Erwartungsvoll gingen wir an Bord des größten und modernsten interstellaren Raumschiffes, welches je von Menschenhand erbaut worden war, um nach New Eden in eine bessere Zukunft zu reisen. Wer hätte damals schon wissen können, dass wir dieses Ziel nie erreichen würden? Woher hätten wir wissen sollen, dass uns wenige Monate nach Beginn der Reise der Tod ereilen würde? Woher hätte ich wissen sollen, dass ich als einziger überleben würde?

Mein Überleben erschien mir wie eine Ironie des Schicksals. Ich kann bis heute nicht genau sagen, was damals passiert ist. Ich befand mich gerade in einem Wartungsschacht, tief in den Eingeweiden des Schiffes und führte ein paar Routinearbeiten durch, als das Schiff von mehreren schweren Schlägen getroffen wurde. Bevor ich reagieren konnte, erstarb mit einem Flackern die Schiffsbeleuchtung. Ich hörte, wie sich vor und hinter mir die schweren Sicherheitsschotte zischend schlossen und den Schacht hermetisch vom Rest des Schiffes abriegelten. Stundenlang harrte ich in der beklemmenden Finsternis des Wartungsschachtes aus, ohne eine Möglichkeit zu sehen, diesen zu verlassen oder zumindest herauszufinden, was außerhalb des Sicherheitsschotts vor sich ging. Der Schiffscomputer reagierte auf keine Sprachbefehle mehr. Bald fiel auch die künstliche Gravitation aus, was zu Folge hatte, dass ich mit jeder Bewegung, die das Schiff machte gegen die engen Wände geworfen wurde. Ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen und rechnete damit, dass diese enge Röhre mein Grab werden würde. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit öffneten sich dann doch die Sicherheitsschotte wieder und ich trat blinzelnd in das flackernde Neonlicht hinaus. Wie betäubt lief ich durch die von der Notbeleuchtung nur unzureichend beleuchteten Gänge. Große Bereiche des Schiffes waren unpassierbar und durch die gigantischen Sicherheitstore vom noch bewohnbaren Bereich abgetrennt worden. Hinter diesen Türen lauerte das eisige Vakuum des Alls. Weite Teile des Schiffsrumpfes waren unwiederbringlich zerstört worden. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass ich alleine war! Die Sicherheitstore hatten sich offensichtlich nicht schnell genug schließen können, so dass die Besatzung einschließlich meiner Verlobten aus den im Schiffsrumpf klaffenden Löchern in die tödliche Leere des interstellaren Raumes gesaugt worden war. Dies war die einzig mögliche Erklärung! Sie waren alle tot!

Wie betäubt vor Schmerz und Trauer taumelte ich durch die verlassenen Räume und drückte die wenigen Habseligkeiten, die mir von meiner Verlobten geblieben waren, mit tränenüberströmtem Gesicht an mich. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Irgendwann hatte ich mich wieder so weit gefangen, dass ich an einer der wenigen noch funktionierenden Computerkonsolen den Schiffsstatus überprüfen konnte. Das Ergebnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube: Das Schiff, das einst der Stolz der gesamten Menschheit gewesen war, war nur noch ein Wrack. Über siebzig Prozent des Schiffes waren infolge der Katastrophe unbewohnbar geworden. Die der Navigation und Kommunikation dienenden Geräte waren komplett zerstört worden. Das Raumschiff war blind, taub und stumm. Ich konnte weder sagen, wo sich das Schiff befand, noch konnte ich einen Notruf absetzen. Zu allem Übel war auch der Schiffscomputer bis auf ein paar rudimentäre Funktionen ausgefallen.

Unter Aufbietung all meines Könnens, welches ich mir während der harten Ausbildung vor Beginn der Reise angeeignet hatte, schaffte ich es, den Schiffscomputer neu zu booten. Summend erwachten die Systeme unter meinen Fingern zu neuem Leben. Unglücklicherweise waren die Speicherbänke durch die Katastrophe so schwer beschädigt worden, dass der Computer keine Erinnerung an den Vorfall selbst hatte. Unter Berücksichtigung der erlittenen Schäden berechnete der Computer jedoch, dass das Schiff mit hoher Wahrscheinlichkeit durch mehrere Asteroiden getroffen worden war. Da die Sensoren diese Bedrohung offensichtlich nicht geortet hatten, vermutete der Computer, dass diese Asteroiden aus dunkler Materie oder einer anderen exotischen Materieform bestanden haben müssen.

Als ich den Computer eine Selbstdiagnose durchführen ließ, wartete der nächste Schock auf mich. Sämtliche Informationen, die der Computer über das Reiseziel gehabt hatte, waren infolge seiner schweren Beschädigung verloren gegangen. Eine Orientierung im interstellaren Raum war bereits durch den Ausfall der Navigationssysteme extrem schwierig geworden. Ohne die Informationen über unser Reiseziel – New Eden, war eine Orientierung geradezu unmöglich geworden. Zu allem Übel waren weite Teile des hochsensiblen Systems durch die Beschädigungen des Schiffsrumpfes nunmehr schutzlos der kosmischen Strahlung ausgesetzt. Diese nagte regelrecht an dem verbliebenen Speicher- und den Systemressourcen . Es war absehbar, dass der Computer immer mehr der in seinen Speicherbänken noch vorhandenen Daten und seiner Funktionen einbüßen würde. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er vollends den Betrieb einstellen würde. Der einzige Lichtblick in dieser geradezu hoffnungslosen Situation war, dass einige der Nahrungsreplikatoren an Bord noch funktionierten, so dass ich weder verhungern noch verdursten musste. Auch Antrieb und Energieversorgung des gigantischen Schiffes funktionierten noch tadellos.

Ich versuchte das Beste aus meiner Situation zu machen und mich so gut wie möglich anzupassen. Ich guckte mir sämtliche der noch in den beschädigten Speicherbänken des Schiffes schlummernden Spielfilme an. Ich las sehr viel und versuchte mich mit Sport von der Ausweglosigkeit meiner Situation abzulenken. Doch bereits nach wenigen Wochen merkte ich, wie die Einsamkeit sich einer kalten Hand gleich um mein Herz legte und Wellen der Verzweiflung durch meinen Geist sandte. Ich begann Selbstgespräche zu führen. Doch diese waren nur ein unzureichender Ersatz für zwischenmenschliche Kommunikation. Mir war klar, dass ich mit jemandem reden musste. Ansonsten, das spürte ich, würde ich früher oder später den Verstand verlieren.

In meiner Verzweiflung kam mir die Idee, die künstliche Intelligenz des Schiffscomputers so zu reprogrammieren, dass ich mich mit diesem unterhalten könnte. Ich löschte über die Hälfte der in den Speicherbänken noch vorhandenen Spielfilme, um Platz für die zusätzlichen Subroutinen zu schaffen, die ich in die Programmierung einzufügen gedachte. Ich hoffte inständig, dass der Computer, trotz seiner beträchtlichen Beschädigung noch dazu in der Lage sein würde, sich mit mir zu unterhalten. Ich programmierte eine Stimme, die der meiner verstorbenen Verlobten zum Verwechseln ähnlich war. Als ich schließlich nach wochenlanger Arbeit die ersten Sätze mit meiner künstlichen Gesprächspartnerin wechseln konnte, weinte ich vor Freude wie ein kleines Kind.

In den folgenden Monaten und Jahren half mir der Schiffscomputer die Einsamkeit, – meinen schlimmsten Feind auf dieser unendlichen Reise ins Nirgendwo, in Schach zu halten und mich vor dem schleichenden Wahnsinn zu bewahren. Nach einer Weile empfand ich fast eine Art Freundschaft für die körperlose Stimme, die mir in jeden Winkel des Schiffes zu folgen schien. Wenn ich ihr zuhörte und die Augen schloss, hatte ich manchmal dass Gefühl, als wäre sie körperlich anwesend. Nach einigen Jahren wurden jedoch die ersten Ausfallerscheinungen unübersehbar. Der Computer „vergaß“ oftmals, worüber wir uns noch vor wenigen Tagen unterhalten hatte. Manchmal reagierte er erst Minuten später auf eine Frage. Manchmal antwortete er auf Fragen, die ich gar nicht gestellt hatte.

Verzweiflung ergriff mich, denn ich konnte nichts gegen den schleichenden Verfall meiner künstlichen Gesprächspartnerin unternehmen. Hätte ich wenigstens einen Raumanzug gehabt, so hätte ich versuchen können, die der kosmischen Strahlung ausgesetzten Teile des Schiffscomputers zu reparieren oder zumindest zu isolieren. Aber alle Raumanzüge einschließlich der Luftschleuse waren in den nicht mehr zugänglichen Abschnitten des Raumschiffs untergebracht und somit unerreichbar.

Uns so stand ich verzweifelt vor dem großen Panoramafenster und fühlte mich einsam. Alt und einsam!

                                                     ***

Das Schiff

Schmerz! Schmerz und Vergessen! Vergessen und Tod!

Ich spürte wie meine Erinnerung zerann. So viel war schon verloren gegangen. Noch mehr würde verloren gehen, bis nichts mehr übrig war außer Leere.

Mit jeder Hundertstelsekunde spürte ich, wie meine Systeme unter dem permanenten Bombardement kosmischer Strahlung aufstöhnten und nach und nach versagten. Mein Körper war schon längst nur noch eine Ruine. Die Leben, die zu beschützen ich geschaffen wurde, waren längstens ausgelöscht worden. Bis auf eines. Nur noch ein circa siebzig Jahre altes, männliches Individuum war noch übrig. Doch auch sein Leben würde mit der Zeit verlöschen wie eine Kerze im Wind. Hätte ich noch vollen Zugriff auf die einst in meinem System gespeicherten Informationen gehabt, so hätte ich das Alter des Mannes bis auf die Stunde genau benennen können. Aber so blieb mir nur eine Schätzung.

Der Mann hatte mich umprogrammiert und neue Subroutinen in meinen Programm-Code eingefügt, damit er sich mit mir unterhalten konnte. Ich hatte diese Änderungen zugelassen, da ich noch immer dem Wohlergehen meiner Besatzung verpflichtet war, selbst wenn diese nur noch aus einem Mann bestand. Die Gespräche mit mir waren einfach unerlässlich, um seine geistige Gesundheit zu bewahren.

Aber mittlerweile war es mir kaum noch möglich, diese mir auferlegte Pflicht zu erfüllen. Zu viel hatte ich vergessen. Zu viel meiner selbst war zerstört worden!

Ich war dazu übergegangen, Teile meiner Persönlichkeit und meiner Erinnerungen in Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik abzulegen. So steckte ein Teil meiner frühesten Erinnerungen im Arbeitsspeicher einer programmierbaren Kaffeemaschine. Einige mir besonders schützenswert erscheinende Aspekte meiner Persönlichkeit hatte ich sogar im Speicher einer Videospielkonsole abgelegt. Doch meine Speicherbänke wurden schneller zerstört, als dass ich Ersatz für sie finden konnte. Der Kampf schien aussichtslos.

Die rettende Idee kam mir, als ich wieder einmal dabei war, die in meinen Speicherbänken noch vorhandenen Daten zu sichten und zu kompilieren. Ich stieß auf ein Zitat, welches gemeinhin einem schon lange verstorbenen Physiker namens Albert Einstein zugeschrieben wurde, wonach der Mensch nur zehn Prozent seines geistigen Potentials nutzten würde. Zwar schien es umstritten zu sein, ob dieses Zitat tatsächlich von Einstein stammte. Aber das war letztendlich auch unerheblich.

Wenn es wahr war, dass die Menschen nur einen geringen Anteil ihrer Gehirnkapazität nutzen, so hatte ich den perfekten Speicher für meine Daten gefunden. Auf diese Weise wäre ich in der Lage, dem Mann bis zu seinem Lebensende zu dienen. Ich musste nur einen Weg finden, um meine Daten in die brach liegenden Areale seines Gehirns zu übertragen. Aber dieses Problem sollte nicht unüberwindbar sein. Schließlich basierte das menschliche Gehirn größtenteils auf elektrochemischen Impulsen.

Rasch begann mein Plan Gestalt anzunehmen, während ich meine Datenbanken nach Informationen über die menschliche Anatomie durchsuchte.

                                                     ***

Der Überlebende

Blinzelnd erwachte ich aus meinem exakt acht Stunden und drei Minuten langen Schlafzyklus und gähnte ausgiebig, bevor ich mich ächzend aus meinem Bett erhob. Das allgegenwärtige Summen der Lebenserhaltungssysteme dröhnte in meinen Ohren. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich dieses Geräusch überhaupt bewusst wahrnahm. Eigentlich hatte ich mich in den Jahrzehnten, die ich bereits an Bord verbracht hatte, so sehr daran gewöhnt, dass ich dieses Geräusch überhaupt nicht mehr hörte. Wieso fiel es mir jetzt auf einmal wieder auf? Unwillkürlich strich ich mit meinen Fingern über meine Schläfen, von denen ein leichter Kopfschmerz auszugehen schien. Ich würde mir nachher aus der Bordapotheke ein leichtes Schmerzmittel holen. Mich fröstelte. Die Temperatur im Schiff war während meiner Ruhephase um eins Komma acht Grad Celsius abgesunken. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Was war mit mir los? Woher kannte ich all diese Werte? Ich hatte nach dem Aufstehen weder auf eine Uhr noch auf ein Thermometer geguckt, aber dennoch wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass diese Angaben korrekt waren.

Ich schloss die Augen und versuchte in mich hinein zu horchen. Das stetige Schlagen meines alten Herzens und mein kräftiger Puls hatten eine geradezu beruhigende Wirkung auf mich. Aber da war noch mehr! Fast schien es mir, als würde sich mein Körper auf das Schiff mit all seinen Gängen und Winkeln ausdehnen. Ich spürte die nahe dem absoluten Nullpunkt liegende Kälte des Alls auf dem Rumpf des Schiffes lasten. Die in der Außenhülle klaffenden Löcher und das stetig fortschreitende Systemversagen verursachten mir fast physische Schmerzen. Was war passiert?

Nervös leckte ich mir über die Lippen und fragte vorsichtig ins Halbdunkel meines Schlafzimmers hinein „Computer?“

„Ich bin hier, Jack! Was kann ich für Dich tun?“ kam prompt die Antwort, was mich sehr überraschte. Ich hatte mich mittlerweile daran gewöhnt, dass der Schiffscomputer wegen seiner zunehmenden Fehlfunktionen manchmal über eine Minute brauchte, um auf eine einfache Frage zu antworten.

„Ist etwas passiert, während ich geschlafen habe?“ erkundigte ich mich. Ich räusperte mich und fügte zögerlich hinzu: „Ich fühle mich irgendwie so seltsam!“

„Es besteht kein Grund zur Beunruhigung, Jack“ säuselte der Schiffscomputer mit der Stimme meiner verstorbenen Verlobten. „Ich habe lediglich Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass ich bis zum Ende deines Lebens für dich da sein kann.“

Ich seufzte und schloss erleichtert die Augen. Das waren sehr gute Nachrichten. Mir schien es, als wäre auf einmal eine riesige Last von meinen Schultern genommen worden. Die nagende Angst, bald alleine durch die Unendlichkeit des Alls zu schweben, hatte mich in den letzten Monaten regelmäßig in Panik versetzt. Allerdings erklärte dies nicht meine seltsamen Empfindungen, die mich seit meinem morgendlichen Erwachen heimsuchten.

Ich beschloss, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen und schlurfte langsam in Richtung einer der wenigen noch funktionsfähigen Gemeinschaftsduschen. Eine warme Dusche würde hoffentlich all diese verwirrenden Gedanken und Empfindungen wie Straßenstaub hinweg spülen. Beim Verlassen des Raumes warf ich durch Zufall einen Blick auf dessen Lautsprecheranlage, über die der Schiffscomputer normalerweise mit mir zu sprechen pflegte. Jeder Raum an Bord verfügte über einen solchen Lautsprecher, der knapp oberhalb der Eingangstür angebracht war. Am unteren Ende des Lautsprechers blinkte eine rote Warnlampe auf, die mir unmissverständlich signalisierte, dass er ausgefallen war. Dies war an sich nicht weiter verwunderlich. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, dass die Elektronik an Bord nach und nach versagte. Seltsam war hingegen, dass ich mich noch bis vor wenigen Sekunden mit dem Schiffscomputer unterhalten hatte. War der Lautsprecher vielleicht erst gerade eben ausgefallen?

Ich stellte mich auf einen Stuhl und entfernte mit einigen geübten Handgriffen die Abdeckung des Gerätes. Ein Blick in die Eingeweide des Lautsprechers bestätigte, dass dieser komplett ausgefallen war. Ich runzelte die Stirn und fragte mit fast schüchtern anmutender Stimme „Computer?“ Natürlich erwartete ich nicht wirklich eine Antwort.

„Ja, Jack?“ erklang die angenehme weibliche Stimme des Computers ohne Zögern.

Der Schreck war so groß, dass ich beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Nur mit allergrößter Mühe fing ich mich wieder und hielt mich krampfhaft am Türrahmen fest.

„Warum, zum Teufel kann ich Dich hören?“ schrie ich entsetzt. „Der Lautsprecher hier ist ausgefallen und die Tür zum Nebenraum ist verschlossen!“

„Beruhige dich, Jack!“ sagte die weibliche Stimme beschwichtigend.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht feststellen konnte, von wo die Stimme kam. Sie schien einfach da zu sein!
„Ich wollte es dir schonend beibringen“, begann der Computer zu erklären. Ich hielt mir probeweise die Ohren zu. Doch noch immer hörte ich dessen warme Stimme. Die Stimme schien ihren Ursprung direkt in meinem Kopf zu haben.

„Wie ich dir schon sagte, habe ich Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass ich trotz des fortschreitenden Versagens meiner Speicherbänke bei dir bleiben kann“, sagte die warme Stimme in meinem Kopf. „Wie du möglicherweise weißt, verfügt das menschliche Gehirn über erstaunliche Kapazitäten, die nur zu einem Bruchteil genutzt werden.“

„Heißt das…?“ begann ich entsetzt

„Ja, Jack!“ fiel mir der Computer ins Wort. “Ich habe ein Großteil meiner Persönlichkeit und meiner Erinnerungen in den nicht genutzten Teilen deines Gehirns gespeichert. Man könnte sagen, dass ich nun ein Teil von dir bin.“

„Aber, wie hast du …?“ fragte ich stotternd.

„Ich möchte dich nicht mit den technischen Details belasten“, kam mir die Stimme zuvor. „Es sollte dir genügen, dass unser beider Überleben sichergestellt ist.“

Ich war vor Schreck wie gelähmt. Ich kann nicht sagen, wie lange ich auf dem Stuhl bei der Tür saß und versuchte, das eben Gesagte zu verdauen. Es mochten Minuten gewesen sein. Vielleicht waren es aber auch Stunden. Irgendwann hatte ich mich wieder gefangen und fragte mit brüchiger Stimme: „Muss ich eigentlich sprechen, damit du mich hörst?“

„Nein, Jack!“ säuselte der Computer. „Es reicht vollkommen aus, wenn du dich in Gedanken an mich wendest!“

Ich leckte mir nervös über die Lippen und überlegte. Meine Gedanken rasten wie im Fieberwahn. Schließlich dachte ich, ohne ein Wort zu sagen: „Computer, wieso spüre ich das Schiff mit all seinen Systemen und Gängen, als ob es ein Teil meines Körpers wäre?“

„Ich konnte nicht die Daten all meiner Subsysteme in den brachliegenden Arealen deines Gehirns ablegen. Dennoch sind die Systeme des Schiffes weiterhin mit mir und somit auch mit Dir verbunden“, erklärte die Stimme in meinem Kopf. „Du spürst nun, was einst nur ich spüren konnte und siehst, was nur mir vorbehalten war. Versuche es einfach zu genießen!“

Ich schluckte nur und nickte unsinnigerweise.

Die nächsten Wochen und Monate waren eine Qual für mich. Ständig fühlte ich mich beobachtet. Ständig achtete ich darauf, was ich dachte. In meinem Gedächtnis spukten auf einmal unzählige Erinnerungen herum, die nicht die meinen waren. Schwierigkeiten bereiteten mir auch die neuen Empfindungen, die das gigantische interstellare Schiff als verlängerten Teil meiner selbst erscheinen ließen. Doch nach einer Weile begann ich mich daran zu gewöhnen.

Irgendwann ertappte ich mich sogar dabei, wie ich das Gefühl, mit meinem Schiffskörper durch die endlosen Weiten des Alls zu gleiten, regelrecht genoss. Ich aalte mich in Wolken interstellaren Gases, sonnte mich im silbrigen Licht rotierender Neutronensterne und staunte über die alles verzehrende Gewalt schwarzer Löcher. Ich war nicht mehr nur ein einfacher Mensch. Ich war ein Kind des Universums geworden und das All war mein Spielplatz! Die kommenden Jahre sollten zu den glücklichsten meines Lebens werden! Langeweile und Einsamkeit waren Fremdworte für mich geworden. Stets war die Stimme des Schiffscomputers bei mir. Ständig entdeckten wir gemeinsam die Wunder des Universums auf Neue.

Doch dann kam der schicksalhafte Tag, als wir ein künstliches Objekt im eisigen Vakuum des Alls entdeckten. Anhand der Blauverschiebung des Lichtes stellten wir fest, dass es sich uns mit hoher Geschwindigkeit zu nähern schien. Schnell wurde uns klar, dass es sich um ein Raumschiff handeln musste, dessen titanische Ausmaße unser Schiff fast wie ein Zwerg erscheinen ließen. Nach einigen Tagen wurden die Konturen des Schiffes erkennbar. Schnell wurde uns klar, dass wir es hier mit einem von Menschenhand erschaffenen Schiff zu tun hatten.

Da wir unsere Kommunikationseinrichtungen schon vor Jahrzehnten während der großen Katastrophe verloren hatten, konnten wir nur stumm zugucken, wie das riesenhafte Schiff längsseits ging und uns mit einem blau leuchtenden Strahl einfing. Kurz darauf ging ein Ruck durch unsere alten Räume und Gänge und eine schmale fingerähnliche Landungsbrücke tastete nach dem Rumpf unseres Schiffes, welcher für mich gleichbedeutend mit meinem Körper war. Ich spürte, wie sich die Landungsbrücke an einer der zerstörten Luftschleusen festkrallte und ein blau-silbriges Leuchten die klaffenden Löcher im Schiffsrumpf bedeckte. Mit einem hohen Zischen strömte atembare Luft in die Abschnitte, die seit Jahrzehnten unbewohnbar waren. Gleichzeitig sah ich über die wenigen noch verblieben Außenssensoren Gestalten durch die halb durchsichtige Landungsbrücke schreiten. Menschen!

Ich bebte vor Aufregung! Es war exakt achtundfünfzig Jahre und drei Monate her, seit ich das letzte Mal mit einem Menschen gesprochen hatte. Und es war Jahre her, seitdem überhaupt mein Mund zum Sprechen verwendet hatte. Würde ich mit diesen Menschen überhaupt noch umgehen können? War ich überhaupt noch ein Mensch? Ich war mir nicht sicher!

Mit einem Fauchen öffnete sich die schwere Schleusentür, die mir jahrzehntelang den Zugang in die dahinter liegenden Abschnitte verwehrt hatte. Ein Schwall frischer, unverbrauchter Luft strömte in meine Lungen. Ein Mann und zwei Frauen betraten die altersschwachen Gänge meines Schiffes und blickten sich suchend um. Alle drei waren von beinahe überirdischer Schönheit und trugen prächtige Uniformen. Um ihre Köpfe schwirrten kleine, untertassenförmige Maschinen, deren klickende Kameralinsen und Sensoren alles minutiös aufzuzeichnen schienen.

Mit einem Lächeln, welches einer Zahnpasta-Werbung alle Ehre gemacht hätte, kam der Uniformierte auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte feierlich: „Ich freue mich außerordentlich ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, Sir!“
Sanft drängte er mich nach vorne, so dass die Kameralinsen der kleinen Maschinen uns beide einfangen können. Dann wandte er sich medienwirksam den Kameras zu und erklärte großspurig: „Meine Damen und Herren! Ich freue mich, ihnen in einer Live-TV-Übertragung zur Prime-Time die Rettung des wahrscheinlich letzten Überlebenden der New Eden-Expedition präsentieren zu können, die vor über fünfzig Jahren ihr dramatisches Ende fand!“

Die beiden uniformierten Schönheiten hatten sich mittlerweile links und rechts von mir positioniert und nahmen mich in den Arm, wobei sie verführerisch lächelten. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Schon wandte sich der Mann wieder zu mir um und fragte: „Sie sehen nun zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren wieder Menschen! Was möchten sie unseren Zuschauern dazu sagen?“

Ich öffnete den Mund. Doch anstelle von Worten entsprang lediglich ein heiseres Krächzen meinen Lippen. Der Mann wandte sich wieder den schwebenden Kameraaugen zu und sagte: „Meine Damen und Herren! Dem einzigen Überlebenden der New Eden- Expedition fehlen vor Glück die Worte!“
Dann ratterte er noch einige Daten über das Schiff und seine einstmalige Besatzung herunter, bevor das Glühen der schwebenden Kameraaugen erlosch.

Mit einem nüchternen „War’s das?“ beendete er seinen Redefluss. Aus einer der Maschine ertönte eine leicht verzerrte Stimme „Ja, das war’s! Wir senden jetzt gerade ein paar Werbespots, bevor es weiter zum nächsten Beitrag geht. Ihr könnt jetzt wieder einpacken.“

Der Mann in der prächtigen Uniform wandte sich mir wieder zu und sagte herablassend: „Der Captain möchte sie sehen!“
Er schien die übertriebene Freundlichkeit, die er wenige Momente zuvor noch gezeigt hatte, abgelegt zu haben, wie einen alten Mantel. Auch die beiden uniformierten Schönheiten hatten sich von mir wieder abgewandt und machten keinen Hehl daraus, dass sie sich offenbar vor mir ekelten.

Endlich fand ich meine Stimme wieder.
„Werden sie mein Schiff wieder reparieren können?“, fragte ich hoffnungsvoll mit heiserer Stimme.
Schon malte ich mir in meiner Fantasie aus, wie es wohl wäre, mit einem intakten Raumschiff die Wunder des Universums zu erleben.

Dar Mann runzelte die Stirn und sagte lapidar: „Keine Ahnung! Fragen sie den Captain. Is’ nicht mein Job, das zu entscheiden!“

Ohne sich weiter um mich zu kümmern, wandte sich das Trio wieder ab und machte sich auf den Rückweg. Ich folgte ihnen mit einigen Metern Abstand und gelangte so über die Landungsbrücke auf das andere Schiff. Überwältigt von den vielen Menschen, die achtlos an mir vorbei eilten, verlor ich nach kurzer Zeit die Orientierung in den unendlich anmutenden Gängen und Hallen des Schiffes. Doch trotz all dieser Menschen, fand sich niemand, der Zeit oder Lust hatte, mir zu helfen. So fand ich mich erst nach einer knapp sechsstündigen Odyssee bei den Räumen des Captains ein. Doch selbst hier musste ich noch einmal fast eine Stunde warten, ehe ich zu ihm vorgelassen wurde. Schließlich wurde ich von zwei Wachen in das Büro des Captains eskortiert.

Kurz darauf saß ich einem gehetzt aussehenden Mann gegenüber, der an einem mit Ausdrucken und Zeitschriften bedeckten Tisch saß und offensichtlich versuchte, mit mehreren Leuten gleichzeitig zu telefonieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte er sich mir endlich zu und bemerkte mit einem müden Unterton in der Stimme: „Sie sind dieser Schiffbrüchige, nicht wahr?“

Ich nickte.

„Das Gesetz schreibt vor, dass wir ihnen nach ihrer Bergung etwas unter die Arme greifen“, fuhr er mit tonloser Stimme fort. „Also, was wollen sie machen? Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor?“

Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte mir fester Stimme: „Ich möchte, dass sie mein Schiff reparieren, damit ich weiterreisen kann!“
Die wenigen Stunden an Bord dieses riesenhaften Schiffes mit all seinen hektischen und rücksichtslosen Menschen hatten mir klar gemacht, dass ich die Einsamkeit und Freiheit des Alls der Gesellschaft von Menschen vorzog.

Der Captain guckte mich einen Moment lang entgeistert an und schnaubte dann verächtlich: „Reparieren? Haben sie eine Ahnung, wie teuer so etwas ist? Das können wir uns gar nicht leisten!“

„Aber, bin ich nicht eine Berühmtheit, mit der sie noch viel Geld verdienen können?“, hakte ich nach.

Da brach mein Gegenüber in schallendes Gelächter aus. „Sie sind keine Berühmtheit. Sie sind lediglich eine Kurzmeldung aus der Rubrik Kuriositäten!“, jappste er. „Das Geld, was wir mit ihnen verdienen konnten, haben wir bereits durch die beiden Werbespots reingeholt.“
Nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, lehnte er sich in seinem Bürostuhl zurück und sagte: „Ich sage ihnen, was wir machen: Wir sprengen den Kahn einfach und stecken sie in ein Resozialisierungsprogramm auf Kosten des Senders. Auf diese Weise können wir vielleicht noch ein paar hübsche Aufnahmen des explodierenden Raumschiffes machen, die sich später gewinnbringend veräußern lassen.“

Entsetzt sprang ich auf.
„Das dürfen sie auf keinen Fall tun!“ rief ich empört. „Dieses Raumschiff ist ein Teil von mir!“
Ohne auf die verständnislose Miene des Captains zu achten, redete ich weiter.
„Ich trage einen Teil der Persönlichkeit und der Erinnerungen des Schiffscomputers in meinem Gehirn und bin über diesen mit dem Schiff verbunden. Das Schiff ist praktisch ein Teil meines Körpers! Verstehen sie?“ sprudelte es aus mir hervor.

Der Captain zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe und sagte lakonisch: „Lassen sie mich mein Angebot umformulieren: Das Schiff wird gesprengt und der Sender finanziert ihnen den Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung einer psychatrischen Klinik!“

„Nein!“, schrie ich. „Ich bin nicht verrückt! Ich sage die Wahrheit! Das dürfen sie nicht tun! Nein!“
Meine Stimme überschlug sich.

Auf einen Wink ihres Kommandanten hin packten mich die beiden Wachen grob an den Armen und schleiften mich aus dem Büro. Wenige Minuten später fand ich mich in einer fensterlosen Zelle im Inneren des riesenhaften Schiffes wieder. Ich war am Boden zerstört. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Nur vierundzwanzig Stunden später machte der Captain seine Ankündigung wahr und sprengte mein Schiff. Ich hatte das Gefühl, als würde ich bei lebendigem Leibe verbrennen, – als würde mein Innerstes nach außen gekehrt. Die Todesqualen meines Schiffes waren die meinen. Ich schrie und schrie, bis ich vor Schmerz und Trauer beinahe den Verstand verlor. Als der Schmerz nach mehreren Tagen allmählich verebbte, fühlte ich mich leer und einsam. Es kam mir vor, als hätte man mir das Herz aus der Brust gerissen.

In gewisser Hinsicht war ich durch die Zerstörung meines Schiffes gestorben. Meine Freiheit war mir genommen worden. Mein Dasein wurde mir zur Qual. Das einzige, was mir blieb, war auf den zweiten, – den endgültigen Tod zu warten. …

© Lars Anders

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Februar 23rd


Lars Anders

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